Geschichte

Bau- und Nutzungsgeschichte

Der Gasthof „Zum Wilden Mann“ befindet sich im Zentrum des Ortes Ostrau, an der Nordseite des Rosa-Luxemburg-Platzes ( früher Moltkeplatz ) / Ecke Oschatzer Straße. Der Gasthof bildet zusammen mit dem westlich gegenüberliegenden Vierseithof Oschatzer Straße 1 die Keimzelle zur Entstehung des „Bauernweilers“ Ostrau, aus dem sich die heutige Großgemeinde entwickelte.

An der Stelle des jetzigen Bauerngutes befand sich das 1190 erstmals erwähnte Vorwerk OstrauGrangie grangia Oztrowa“, das im Besitz des Klosters Altzella war. Nach der Säkularisierung des Zisterzienserklosters im Jahre 1540 entwickelte sich aus dem Vorwerk ein kurfürstliches Amtsdorf mit 7-8 Bauernhöfen ( 1764: „7 beses-sene Mann“ ) – ein sogenannter Bauernweiler.

Das größte Gut des Dorfes, das einstige Vorwerk, wurde ein „Brauschenkengut“. Das heisst, die Hofbesitzer hatten „Brau- und Schankgerechtigkeit“ und durften selbst Bier brauen und verkaufen. Das einstige „Brauhaus“ steht noch heute an der Westseite des Rosa-Luxemburg-Platzes.

Begünstigt durch den florierenden Kalkabbau und Kalkbrand um Ostrau ( seit 1555 ) und den Bau der Eisenbahnstrecke ( 1847 ) verdoppelte sich die Einwohnerzahl Ostraus Mitte des 19.Jahrhunderts. Die Gästezahl am Brauhaus nahm so zu, dass sich die Gastwirtsfamilie Döring entschloss, ein neues großes Gasthaus östlich des Braugutes zu bauen. Wahrscheinlich stand dies auch im Zusammenhang mit dem Ausbau der „Oschatzer Straße“ 1850, die zwischen Braugut und Gasthof hindurch-führt.

Das auf einer Grundfläche von 13 x 24 Metern neu errichtete zweistöckige Gasthaus aus Ziegelmauerwerk auf Bruchstein-Kellergewölben enthielt im Erdgeschoß die große Küche mit drei Gaststuben und im Obergeschoß einen riesigen Saal auf einer Fläche von 160 m². Die damals ausgeführten spätklassizistischen Deckenmalereien in 4,86 Metern Höhe sind zum Teil noch heute sichtbar.

Die Grundstruktur des ursprünglichen Gasthauses ist anhand der Raumaufteilung, der Fensterachsen an der Westfassade sowie am großen Walmdach noch heute ablesbar. Bis ca. 1876 entstanden nördlich des Gasthauses eine große Scheune zur Verpflegung der Pferde sowie ein Wohnhaus für die Gastwirtsfamilie an der Oschatzer Straße.

Nach der Reichsgründung 1871 entsprach die fast schmucklose klassizistische Außenfassade nicht mehr dem Geschmack der Zeit. Man wollte einen repräsentativeren Eingangsbereich haben. Daher entstand um 1890 ein ca. 4 Meter breiter Vorbau entlang der gesamten Südfassade des Gasthauses.

Der Vorbau kragt im Obergeschoß balkonartig aus ( neue Saalbühne ) und ruht im Erdgeschoß auf zwei Säulen links und rechts der Eingangstreppe. Die alte Eingangstür und die Fensteröffnungen bleiben im EG unverändert. Die schräge Südwestecke erhielt einen auskragenden Erker mit steilem Zeltdach, der auf zwei Konsolen mit Trägerfiguren ruht.

Der Gasthausumbau erfolgte in der Phase des Überganges vom Historismus zum Jugendstil Ende des 19.Jahrhunderts. Daher wird die Südfassade noch dominiert von Schmuckelementen nach Vorbild des „Dresdner Zwingerbarock“ mit Korbbogenfenstern, Schlußsteinmasken, Säulenbalustraden, profilierten Gesimsbändern und Schnecken. Im Rundbogengiebel des Daches ist eine Wappenkartusche angebracht, bekrönt von einem Obelisken – ähnlich wie bei Schloßfassaden.
Unter dem Giebel befindet sich das große Bühnenfenster im Obergeschoß, in dessen farbigen Gläsern der Jugendstil anklingt. Leider blieb nur ein Teil der bleigefassten Fenstergläser erhalten. Ebenfalls im Jugendstil wurde die gesamte Decke des großen Saales neu gestaltet. Farbenprächtige florale Schmuckelemente wurden dabei an hölzeren Trägerkonstruktionen befestigt, um die Raumecken als Hohlkehlen auszurunden. Diese Stuckdecke ist bis heute erhalten geblieben.

Das Gasthaus „Zum Wilden Mann“ wurde seit ca. 1900 von der Familie Hermann Jage bewirtschaftet, ab 1930 von Richard Riegel. Zu DDR-Zeiten betrieb die „Konsumgenossenschaft Döbeln“ die Gaststätte. Sie ließ 1974/75 den offenen Eingangsbereich des Erdgeschosses schließen und die Eingangstür nach Südosten verlegen. Dadurch vergrößerte sich nach dem Teilabriß der alten südlichen Außenwand der vordere Gastraum. Das damals eingebaute breite Fensterband steht jedoch im Widerspruch zur Struktur der neobarocken Fassade.
Im Jahre 1982 wurde ein zweistöckiger Toilettenanbau an die Hofseite des Haupt-hauses angefügt.

Nach dem Kauf des Gasthauses durch Heiko Fromme im Jahre 1990 erfolgten von März bis Oktober 1992 zahlreiche Umbauten und Modernisierungen in den Gast-räumen des Erdgeschosses, an der Theke sowie im Küchenbereich. Im Ober-geschoß wurde neben dem Saal eine Bar eingebaut. Aufgrund einer Insolvenz wurde die Gaststätte im Jahre 2000 geschlossen und steht seitdem leer.
Im Jahre 2007 ersteigerte Henry Litzke den gesamten Gebäudekomplex. Er ließ das 1993 östlich des Gasthofes errichtete Bettenhaus zum „Betreuten Wohnen“ umnutzen. Das denkmalgeschützte Gasthaus blieb ohne Funktion und war vom Abriß bedroht.

Um den Verlust dieses für Ostrau sehr wichtigen, ortsbildprägenden Gebäudes zu verhindern, bildeten engagierte Bürger und Gemeindevertreter am 01.03.2011 die „Arbeitsgruppe Wilder Mann“, aus der heraus am 01.10.2011 die „Bürgerstiftung Ostrau“ gegründet wurde.
Die Stiftung will den Verfall des bedrohten Denkmals aufhalten und ihn revitalisieren. Nach Abschluß eines Nutzungsvertrages im September 2013 soll in einem ersten Schritt im Jahre 2014 die südliche Eingangsfassade gesichert und instandgesetzt werden. Mit dieser Maßnahme sollen auch die über 20 spendenbereiten Firmen, Handwerker, Baumärkte und Einzelpersonen die Möglichkeit bekommen, konkret zu helfen.

Steina, den 15.09.2013

Dipl.-Ing.(FH) Thorsten Kühnrich
Freier Architekt

Wir retten den ehemaligen Gasthof